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24.12.2019
Festrede zum 30ten Jahrestag des Mauerfalls
auf Einladung von Lionklubs in Münster - 17. November 2019
 

Festrede zum 30ten Jahrestag des Mauerfalls

auf Einladung von Lionklubs in Münster

17. November 2019

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

liebe Lions, liebe Leos,

 

zunächst möchte ich mich ausdrücklich dafür bedanken, dass ich heute hier diesen Festvortrag halten darf. Es ist mir eine große Ehre und Freude bei Ihnen in Münster zu sein. Und es fügt sich auf ganz angenehme Weise. (…) 

 

Aber ich freue mich noch aus einem anderen Grund. Ich habe sehr positive Erinnerungen an Münster. In meiner Diplom- und Promotionszeit – dies ist natürlich auch schon über 20 Jahre her - fanden hier zweijährlich die Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft Bereich Festkörperphysik statt. Ich war für diese DPG-Tagung zwei Mal in Münster als Diplomand und als Doktorand. Ich kann mich noch lebhaft erinnern, dass mich die kulturelle und religiöse Vielschichtigkeit dieser Stadt sehr beeindruckt hat.

 

Warum betone ich die Punkt? Zum einen, weil ich diese Rede meinem viel zu früh verstorbenen Diplomarbeitsbetreuer Dr. Stephan Brehme widme. Und weil unser Thema der Mauerfall ist. Und damit das de facto Ende einer deutschen Diktatur, eines diktatorischen Systems. Und dieses Ereignis hat sehr viele Lebensschicksale geformt. Auch meins. Ich stehe hier auch mit meiner persönlichen Geschichte. Der Mauerfall fiel mitten in meine Abiturzeit. Und mit dem Mauerfall schloß sich auch die akute Phase der Ossietzkyschul-Affäre vom Herbst 1988, die heute mit Ihnen in den nächsten 30 Minuten reflektiere. 

(…)

Also lassen Sie uns in der Zeit zurückgehen: Am Freitag, den 30. September 1988 wurden in der Erweiterten Oberschule, der EOS Carl-von-Ossietzky Berlin-Pankow, also in Ostberlin, drei Schüler der 11ten Klasse (zwei Jungen und ein Mädchen) und ein Schüler der 12ten Klasse vor der gesamten versammelten Schülerschaft vom Direktor der Schule verwiesen. Und dieser Vorgang bedeutete im DDR-System den Ausschluss von allen Schulen, von höherer Schulbildung insgesamt – kein Abitur, kein Studium, kein Berufsweg, wie wir ihn uns vorgestellt haben und einschlagen wollten. Und am Montag, den 13. November 1989, also am Montag nach dem Mauerfall wurden wir rehabilitiert. Öffentlich, an gleicher Stelle, in der Schule. Wir konnten damit wieder an staatlichen Schulen in der DDR, in unserer Heimat lernen. Die zeitliche Koinzidenz mit dem Mauerfall war natürlich einerseits ein Stück weit Zufall, aber andererseits natürlich auch wieder nicht. Die Rehabilitation der Ossietzkyschüler war eine der Forderungen der friedlichen Opposition und der Demonstranten. Wir standen auf den Listen ganz oben. Ich habe Ihnen in Absprache mit Michael Noll eine Kurzübersicht über die Ossietzkyaffäre erstellt, inklusive des historischen Dokuments der betroffenen Schüler von 1988. Dort können sie die verwinkelten Details und vor allem die rasante Dramatik, in der sich alles abspielte, nachlesen. 

 

Denn diese Rede soll sich um die Lehren dieser Affäre für unsere Demokratie und unsere Freiheit drehen und Ihnen damit eine Perspektive auf 30 Jahre Mauerfall geben.

 

Denn Lehren gibt es einige – diese eigentlich kleine Schulgeschichte hat damals eine ungeheurere Wirkung entfaltet. Und das lag sicherlich daran, dass sich in unser Schulaffäre die ganze Kleingeistigkeit, Engstirnigkeit und Brutalität des Regimes besonders deutlich gezeigt hat. Aber auch weil sich so viele Leute entscheiden mussten, wie sie sich verhalten. Und viele die von dieser Sache hörten, genau diese Entscheidungs-Zwangslagen sehr gut nachvollziehen konnten. 

 

Und darüber möchte ich mit Ihnen reden. 

 

Zunächst vielleicht die leicht kontraintuitive Erkenntnis zuerst: Am wenigsten, am wenigsten entscheiden konnten wir, die als Rädelsführer identifizierten, die aktiven Schüler, zumindest bis zum Rausschmiss. Die Chance, wenn man es so nennen wollen würde, die Chance zur Unterwerfung, zur Abbitte wurde nämlich den aktiven Schülern, ich gehörte dazu, gar nicht gegeben.

 

Ok, natürlich hätten wir einfach den Mund halten können. Und uns im realsozialistischen Schulbetrieb im Endstadium des Regimes unauffällig verhalten können – diesen Punkt kann man machen. Ja, wenn wir unsere kritischen Artikel und Aktionen nicht gemacht hätten, wäre die Ossietzkyaffäre nicht losgebrochen. Und hier hat es auch Warnungen gegeben von Mitschülern und Lehrern, die irgendwo zwischen wohlmeinend vorsichtig und ‚warum lasst ihr uns nicht unsere Ruhe, ist doch alles schon schwer genug‘ schwankten. Aber darauf hatten wir tatsächlich keine Lust mehr – mein Freund Kai und ich waren frisch an die EOS, gewechselte 16jährige, die einfach viel zu lange Duckmäusern und Heucheln mussten um überhaupt das Privileg eines Abiturschulplatzes zu erhalten. Denn das DDR-System war hier sehr konsequent – Abitur gab es nur für staatstreue Schüler und überhaupt nur für eine sehr kleine Minderheit. Nur ungefähr 10% der Absolventen der 10. Klasse der Oberschule – durften auf die weiterführenden EOS, die nur zwei Jahrgänge, die 11te und 12te Klasse umfasste.

 

Wir hätten also den Mund halten können und nicht auf Probleme und Widersprüche aufmerksam machen müssen. Das haben wir tatsächlich nicht gemacht. Aber die Themen betrafen uns auch unmittelbar. Ich will nur eine Thema erwähnen: Die unsägliche Militarisierung der DDR, des selbsternannten Friedensstaats, die wir indirekt über eine Kritik an der Militärparade in Ostberlin angesprochen haben. Diese schlimme Militarisierung, das mörderische Grenzregime war ja nur die Spitze des Eisbergs, betraft uns Jungs ja ganz direkt. Wir mussten uns für Abitur und Studium zu einem dreijährigen Armeedienst verpflichten.

 

Wir hätten solche Themen nicht anpacken müssen. Wir hätten keine Artikel an die Schulwandzeitung heften müssen. Wir hätten schweigen können. Und dann hätten wir die Lawine so nicht ausgelöst.

 

Aber das Ausmaß der Reaktion haben wir weder gewusst noch gewollt.

 

Und als es losging, als die Lawine rollte, wurde uns keine Möglichkeit mehr gegeben uns zu entscheiden – eine wichtige Lehre: Ich sehe uns deshalb eigentlich weder als Opfer noch als Helden.

 

Um es ganz klar zu sagen: In einem diktatorischen System kann man nur die Gefahr verringern, wenn man gar nichtstut – jegliches Aufmucken oder Anecken ist definitiv nicht gewollt. Und für den Auslöser gefährlich und potentiell nicht einzufangen. 

 

Aber dies ist nur der Blick auf die Schüler im Zentrum des Sturms. Interessanter und vielschichtiger wird es, wenn wir den Blick auf die anderen Betroffenen richten.

 

Denn die Frage der Entscheidung spielte bei den anderen, weniger aktiven Schülern durchaus eine gewichtige Rolle: Ich nenne mal die Stichworte: Solidarisierung, Distanzierung, Mitverantwortung.

 

Fangen wir mit Solidarisierung an: Es gab Schüler, die sich mit den aktiven Schülern solidarisiert haben und es ist ihnen nicht gut bekommen. 

Die letztendliche Liste der bestraften Schüler, insgesamt waren es acht, vier Relegationen und vier mildere, aber immer noch heftigen Schulstrafen fußte auf der Unterschriftenliste unter eine Solidaritätserklärung für meinen Mitstreiter Benjamin, als es so aussah, dass nur er bestraft werden sollte. Alle Schüler, die diesen Brief unterschrieben haben, egal wir gering ihr Anteil vorher war, wurden bestraft. 

 

Meine Damen und Herren, in einem diktatorischen System ist Solidarisierung mit jemanden, der Kritik äußert oder der von der Macht gebrandmarkt wurde, fast noch schlimmer als das ursprüngliche Aufbegehren selber. 

 

Denn eine Kritik wird nicht dadurch gefährlich, dass sie sachlich richtig ist – das kann im Zweifel immer weggeredet werden, sondern dass sich andere anschließen oder sich solidarisch zeigen. 

 

Mein zweiter Punkt betrifft die Trennung von Familie und Staat. Ein diktatorisches System akzeptiert keinen familiären Schutzraum. Im Gegenteil, ein diktatorisches System trägt den Konflikt absichtsvoll tief in die Familien auf bewusst sehr zerstörerische Weise. 

Und da sind wir beim Thema Distanzierung und Mitverantwortung. Zunächst der einfachere Schritt: Die Distanzierung. Da der kritische Artikel über die Militärparade in der Schule eine rege Debatte ausgelöst hatte, entstand die Idee eines Briefs an die Junge Welt, dem Zentralorgan der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, also die Zeitung der Schülerschaft. Unter diesem Briefentwurf standen im Zenit der ersten Phase 37 Unterschriften von Schülern. Hier setzte der staatliche Gegenschlag an: Mit allen 37 betroffenen Familien wurden von Seiten der Klassen- und Schulleitung Gespräche geführt mit der klaren Stoßrichtung, dass sich die jeweiligen Kinder entscheiden müssen. Im Prinzip zwischen Staat, Schule, Karriere auf der einen Seite. Und ihrer Überzeugungen, ihrem Gewissen, ihrer Jugendlichkeit, ihren Freunden, ihren peers und auch schlicht der Realität auf der anderen Seite.

 

Aber die knallhart geforderte Distanzierung, das Zurückziehen der Unterschrift, gerne noch garniert mit irgendwelchen devoten Erklärungen oder gar Schuldzuweisungen und Distanzierungen Richtung der aktiven Schüler, war als die Affäre Fahrt aufnahm nicht mehr genug. 

 

Distanzierung war jetzt zu wenig, es musste Mitverantwortung für die Verurteilung der Mitschüler sein. Trauriger Höhepunkt dieses Gewissenkonflikts war der FDJ-Rausschmiss, der als Pseudolegitimation für den am folgenden Tag geplanten Schulrausschmiss dienen sollte.

 

Dazu ein kleiner Einschub, meine Damen und Herren: Die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, war ja nominell die Jugendorganisation der SED, de facto aber eine Staatsjugendorganisation in der jeder DDR-Jugendliche freiwillig in Anführungszeichen Mitglied war, wenn er oder sie in dem Staat etwas erreichen wollte. Sie kennen alle die Kontroverse um die FDJ-Mitgliedschaft der Kanzlerin. Praktisch alle Schüler der Ossietzkyschule waren Mitglieder der FDJ. Die FDJ war der Arm des Staates in der Schülerschaft.

 

Und die Verquickung von Staat, Schule und Politik wurde auch gar nicht groß verschleiert, sondern ganz transparent organisiert. In der Schule waren die Grundorganisationen der FDJ einfach die Klassenverbände, die Schulebene der FDJ spielte praktischerweise gleich die Rolle einer Schülervertretung, die es unabhängig von der FDJ natürlich nicht gab – ein perfides System, das aber geschickt aufgesetzt war – Sie müssen dabei im Kopf behalten, dass das DDR-Bildungsministerium von Margot Honecker geleitet wurde, der Frau des zweiten DDR-Chefs Erich Honecker. Beiden sind über den FDJ-Apparat aufgestiegen.

 

Und Ministerin Margot Honecker persönlich hat unseren Rausschmiss entschieden und veranlasst, was wir damals natürlich nicht wussten. Mit diesem wichtigen persönlichen Zusatz der Ministerin: Dem Schulrausschmiss sollte ein FDJ-Rausschmiss vorangehen. 

 

Damit ist der Einschub beendet und ich gehe zurück zu den Ereignissen an der Schule – wir sind jetzt ganz kurz vor dem Showdown.

 

Der FDJ-Rausschmiss lief dann so ab: Am späten Nachmittag, des Donnerstag, den 29. September 1988, der Abend vor dem Schulrausschmiss, mussten sich die Mitschüler meiner Klasse in unserem Klassenraum in der Schule zu einer außerordentlichen FDJ-Versammlung zusammenfinden. Natürlich wurde nichts dem Zufall überlassen. Mit allen meinen Mitschülern gab es vorher Einzelgespräche mit der klaren Drohung, die sicherlich meist auch direkt ausgesprochen wurde, dass ein Wunschstudienplatz nur dann in Frage kommt, wenn der Schüler, die Schülerin sich gegen mich stellt. ‚Frage Dich mal, was Dein Vater oder Deine Mutter sagt, wenn Du für diese Sache, für diese Typen Deinen Medizinstudienplatz verspielst‘. Und die Versammlung selber wurde komplett durchchoreographiert, mit zugeteilten Wortbeiträgen, durch Leitung von älteren FDJlern, durch massive Einschüchterung durch Präsenz von 10 Erwachsenen, inklusive. des Schulleiters, des Klassenleiters, eine FDJ-Kaders und eines Kaders des Patenbetriebs der Schule.

 

Trotzdem hatte man sich nicht getraut den Schüler zu sagen, dass der FDJ-Rausschmiss als Legitimation für den Schulrausschmiss am nächsten Tag dienen wird – dieser Punkt war Herrschaftswissen, d.h. es wussten die Verantwortungsträger und einige wenige eingeweihte vertrauenswürdige Kaderschüler. Und es wurde natürlich offen abgestimmt – keiner konnte sich verstecken. Ein fürs Leben prägendes Ereignis, denn allen war bewusst, dass die Vorwürfe eine Farce waren, dass die Veranstaltung mit ‚Schmierenkomöde‘ nur ganz unzutreffend zu beschreiben ist – denn es war keine Komödie. Und die Schüler ahnten sicherlich die Konsequenzen für ihre betroffenen Mitschüler, zumindest, was das Studium und die weitere Karriere im DDR-System angeht. Und dann kam es, wie es vom Staat gewollt war: Von den 18 oder so anwendenden Schülern stimmten nur eine Schülerin für mich und einer enthielt sich der Stimme. Der Staat hatte seine Scheinlegitimation durch massive Manipulation der Familien.

 

Aber schon am nächsten Tag, dem eigentlichen Rausschmiss, brach die Inszenierung auf. Am Morgen des 30. September 1988 berief der Direktor eine außerordentliche Schulversammlung in die Aula. Die verurteilten Schüler mussten in einer sich quälend hinziehenden Prozedur einzelnvor den Schulleiter und die gesamte Schülerschaft treten um einzelndie Anklage und das jeweilige Urteil zu hören. Bei den vier Relegationen berief sich der Schulleiter natürlich explizit auf die vier FDJ-Rausschmissverfahren, um die vier Relegierten dann einzelnder Aula und der Schule zu verweisen. Im Zuge dieser Exekution, so kann man es wohl bezeichnen, machte sich unter der verbleibenden Schülerschaft immer mehr Unruhe breit. Eine Mitschülerin sprach dann schon während dieses Vorgangs aus, was die meisten dachten: Das haben wir mit dem FDJ-Rausschmiss nicht gewollt. Was übersetzt vor allem politisch hieß: Dass haben wir mit dem FDJ-Rausschmiss nicht legitimiert. Das macht ihr hier und das geht gar nicht.

 

Sehr viele Schüler hatten mindestens das Jahr bis zum Mauerfall an dieser Kombination aus FDJ-Rausschmiss und dem folgenden Schulrausschmiss vor versammelter Mannschaft sehr schwer zu tragen. Noch heute treffe ich Menschen aus dem Umfeld der Schulaffäre, die mir von den Konflikten in den Familien am Abendbrottisch erzählen. 

 

Ich habe meinen Mitschülern für ihr Verhalten beim FDJ-Rausschmiss nie einen Vorwurf gemacht, mir war ihre Zwangslage und die ihrer Eltern völlig klar – trotzdem waren die zwei Stimmen, die nicht ‚ja‘ gesagt haben für mich ungeheuer wichtig: Und ich glaube, den meisten Schülern ist dann auch sofort klar geworden, dass Sie ihre Seele für praktisch nichts verkauft hatten – denn die reale Gefahr für den Einzelnen war eigentlich an diesem Punkt der Affäre sehr klein und wäre immer kleiner geworden, je mehr Schüler ausgebrochen wären. So ist das System ja nur ein Jahr später dann auch zu Fall gebracht worden.

 

Und es gab auch andere Auswege: Ich muss immer noch schmunzeln über die Strategie der einen Familie, die ihre Tochter schlicht krankgeschrieben haben – man muss nicht jeden Kampf führen. Aber man sollte sich auch von den Mächtigen nicht so missbrauchen lassen. Vor allem da diese Art von Entscheidungen immer ein Rutschbahneffekt sind: Erst stimmst Du gegen Deine Mitschüler beim FDJ-Rausschiss und später werden dann immer mehr und immer schlimmere Dinge von Dir verlangt. Letztlich auch eine klassische Mafiamethode. Hier muss jeder für sich eine rote Linie ziehen. Und ein falscher elterlicher Rat wirkt wie ein langanhaltendes Gift. Die zerstörerische Kraft der Diktatur bis weit in die Familien rein und für jede einzelne Persönlichkeit, auf diesen Punkt hat mich mein zu früh verstorbener Diplomvater, der selber in Leipzig aufgewachsen war und dort am Umbruch aktiv mitgewirkt hat, in einem anderen Zusammenhang ausdrücklich hingewiesen.

 

Aber wir waren ja Jugendliche und heute 30 Jahre später sind wir hier als Professionals versammelt. Deshalb nun meine dritte und vielleicht wichtigste Botschaft: Diktatorische Systeme haben keinen Respekt vor Berufsethos, vor Rollenverantwortung. Im Gegenteil, sie hintertreiben bewusst Rollentreue: Denn man muss sich noch mal klarmachen: Alles dies fand in einer Schule, in einer staatlichen Schule statt und die Hauptakteure waren der Schulleiter und die Lehrerinnen und Lehrer – sie werden vielleicht merken, dass in meinem Vortrag die Worte DDR, SED, FDJ, aber nicht Staatsicherheit auftauchen.

 

Aus pädagogischer Sicht war das Vorgehen in der Ossietzkyschulaffäre eine Katastrophe und unverzeihlich. Und die Beteiligten wussten dies natürlich ganz genau. Und sie bekamen es auch unmittelbar zu spüren. Die Schule und der Schulleiter hatten keine ruhige Minute mehr. Das offenkundig pädagogisch nicht zu rechtfertigende Vorgehen fiel voll auf die Verantwortlichen zurück – im September 1989, also im Herbst des Umbruchs, versuchte der Schulleiter die Flucht nach vorne. Er veröffentlichte in der Jungen Welt ein Statement, dass das Vorgehen vom Herbst 1988 innerhalb der Schule von oben angeordnet worden war und nicht von der Schule selber ausging – dies stimmte zwar, aber es half ihm nicht mehr – er hatte seinen Berufsethos verraten. Und natürlich erfolgte wenige Wochen nach dem Mauerfall seine Abberufung – er war damals noch verhältnismäßig jung, seine Schulleiterkarriere lag in Trümmern.

 

Und im Gegensatz zu der Zwangslage bei meinen Mitschülern hatte und habe ich beim Schulleiter und einigen der anderen exponierten Lehrer kein Verständnis: Ein anderes Vorgehen wäre möglich gewesen – zwar war der Druck riesengroß, aber die Ministerin hätte uns nicht persönlich vor der Schülerschaft rauswerfen können – dies musste schon jemand weiter unten in der Hierarchie ausführen.

 

Natürlich kommt man aus dieser Art Dilemma nicht mit einer einfachen Krankschreibung raus, aber wenn ein diktatorisches System einen zu einer Entscheidung zwingt, dann gilt insbesondere für den Berufsethos: Man kann und man muss sich entscheiden. Und mit den Konsequenzen dieser Entscheidung wird man dann sein Leben lang umgehen müssen. 

 

Und das ist der fundamentale Unterschied zwischen einem freiheitlichen und einem diktatorischen System: Ein wirklich freiheitliches System zieht so viele Schutzzonen wie möglich um genau diese persönlichen Dinge: Denn nicht ein Staat sollte entscheiden ob oder was man studieren will, kein Staat sollte sich in die innersten Familienangelegenheiten reindrängen und kein Staat sollte Vertreter keinerlei Profession dazu zwingen massiv gegen ihren Berufsethos zu verstoßen. Dies gilt natürlich für Pädagogen in verschärfter Weise, aber das Prinzip ist immer das Gleiche, sei es im Anwaltsberuf, im Gesundheitswesen, ja sogar in der vielgescholtenen Politik oder wie bei mir in der Wissenschaft und der Industrie. 

 

Wenn es hart auf hart kommt, lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie sich für einen selbsternannten guten Staat oder eine vorgeblich gute Sache und sei es die angebliche Rettung vor dem Weltuntergang vollkommen gegen ihre Überzeugungen zu stellen haben oder ihre Familie oder gar ihre Kinder verraten zu müssen. Und vor allem lassen sich niemals einreden, dass eine Macht das Recht hat, Sie zu zwingen offenkundig gegen ihren Berufsethos zu verstoßen. Und ich rede hier nicht von Kompromissen, die braucht man immer.Nein, ich rede von dem Überschreiten einer roten Linie.

 

Aber wir sollten nie vergessen: Schuld sind nicht die Einzelnen, der Schulleiter und seine schlimmsten Helfer oder einige Hardliner unter den Eltern oder auch den Schülern.

 

Nein, meine Damen und Herren, Schuld war das diktatorische System und seine Verantwortlichen, in diesem Falle die Verantwortungsträger im Schulsystem von der Schulrätin aufwärts bis zur Ministerin. Und genau deshalb war es so wichtig, dass dieses System zusammenbricht.

 

Das war das Glück des Mauerfalls. Das Ende eines Kritik- und Kreativität unterdrückenden Systems, wirtschaftlich am Abgrund, übermilitarisiert, das seine eigene Bevölkerung eingemauert hat, ideologisch vollkommen verdorben. Glücklicherweise zum Einsturz gebracht durch friedlichen Protest ohne Blutvergießen - der Mauerfall, man kann es nicht oft genug sagen, ein wirklich glücklicher Moment in der deutschen Geschichte.

 

Und damit bin ich am Schluss: Ich hoffe, ich konnte Ihnen näherbringen, warum ich aus tiefer Überzeugung für den Schutz der Freiheiten unserer offenen Gesellschaft eintrete: Der Freiheit zur Äußerung von Kritik, als Kernstück eines echten, fairen Wettbewerbs, der Berufsfreiheit und dem Schutz des Berufsethos und auch dem Recht auf privaten Rückzug.

 

Dies ist für mich die wichtigste Botschaft von 30 Jahre Mauerfall, dem Einsturz des diktatorischen DDR-Systems: Sorgen wir dafür, dass Freiheit und Offenheit in diesem unseren Land jeden Tag verteidigt werden. Und dass diktatorische Mechanismen aus Unterdrückung von Kritik, Manipulation und Konformität nicht in die Vorhand kommen.

 

Vielen Dank

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